Burg Kreuzenstein als Stummfilmkulisse (Teil 1)

Burg Kreuzenstein auf einer Fotografie aus dem Jahr 1916
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Ein kleines Stück nordwestlich von Wien, auf einer Anhöhe über der Donau, liegt die vielen sicher bekannte Burg Kreuzenstein. Mit ihren Türmen und Türmchen, ihren Zinnen, Wehrgängen und spitzen Dächern wirkt sie wie das Idealbild einer alten Ritterburg, und genau als ein solches Ideal wurde sie in den Jahren um 1900 auch erbaut.

Zugegeben, an derselben Stelle befand sich tatsächlich schon seit dem 12. Jahrhundert eine Burg, doch diese wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden gesprengt. Die Ruine wurde darauf für gut zweihundert Jahre von den Bauern der Umgebung als frei verfügbarer ‚Steinbruch‘ für Baumaterial genutzt. So waren Ende des 19. Jahrhunderts nur noch wenige Mauerreste von der alten Burg Kreuzenstein übrig. 1874 jedoch entschloss sich der damalige Besitzer der Anlage, Graf Hanns Wilczek, zum ‚Wiederaufbau‘, der de facto ein Neubau in historisierenden Formen war. In gewisser Weise stellt diese neue Burg Kreuzenstein auch eine architektonische Collage dar, denn einzelne Bauteile wurden tatsächlich von verschiedenen mittelalterlichen Gebäuden entnommen und hier in neuem Kontext wiederverwendet, bei anderen Bau- und Zierelementen handelt es sich um exakte Kopien mittelalterlicher Originale.

Burg Kreuzenstein auf einer Fotografie aus dem Jahr 1916
(Das Bild zeigt den Burghof mit dem sog.
Kaschauer Domgang, einer Arkadenreihe aus der Zeit um 1450, die ursprünglich vom Dom in Kaschau/Košice stammt)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/Anno]

Das Ergebnis ist eine idealisierte ‚Musterburg‘, die vor allem auf ein romantisches Erscheinungsbild abzielt und sich mehr an modernen Mittelalterklischees orientiert als an ‚authentischen‘ Burganlagen des Mittelalters. Gerade deshalb wurde Kreuzenstein unmittelbar nach der Fertigstellung im Jahr 1906 zu einer beliebten Sehenswürdigkeit – und zur vielgenutzten Filmkulisse.

Wie Andreas Nierhaus in seiner grundlegenden Monographie zu der Burg ausführt, war sie „von Anfang an (…) nicht allein billiger Ersatz für aufwändige Kulissenbauten, sondern durch die spezifische Form ihrer Architektur dazu prädestiniert, in Filmbilder übertragen zu werden.“ Denn, so fährt er fort: „Wie Filmblut, das für gewöhnlich ein stärkeres Rot als in der Realität besitzt, so könnte man das Mittelalter von Kreuzenstein ein bereits für die spätere mediale Übertragung verstärktes Film-Mittelalter nennen.“1

Vor allem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden daher auf Kreuzenstein zahlreiche Filme gedreht, darunter Heimatfilme, Horrorstreifen und Softpornos. Der Schwerpunkt lag und liegt aber naturgemäß auf Produktionen aus dem Historien- und Fantasy-Genre; aus jüngster Zeit sind etwa der Kinderfilm Hexe Lilli rettet Weihnachten (2017) oder die Netflix-Serie The Witcher (2019) zu nennen.2 Nicht ohne Grund spricht Nierhaus in der oben zitierten Passage aber davon, dass die Burg „von Anfang an“ als Filmkulisse diente, denn tatsächlich wurde sie bereits während der Stummfilm-Ära immer wieder als Drehort verwendet. Nierhaus selbst etwa behandelt in einem weiter gefassten Abschnitt zur medialen Rezeption von Kreuzenstein exemplarisch zwei Produktionen aus dem Jahr 1912, Die Burg Kreuzenstein bei Wien und Das Mirakel.3

Burg Kreuzenstein auf einer Fotografie aus dem Jahr 1918
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Unlängst bin ich nun – wieder einmal auf der Suche nach ganz etwas anderem – in einem Zeitungsbericht aus dem Jahr 1920 auf einen weiteren Stummfilm gestoßen, der auf Burg Kreuzenstein gedreht wurde. Neugierig geworden, begann ich darauf, weiter in den von der Nationalbibliothek digitalisierten Medien aus jener Zeit zu stöbern und fand tatsächlich noch einige andere einschlägige Stummfilme, die heute weitgehend vergessen sind und meines Wissens auch in der Literatur zu Kreuzenstein bislang nicht vorkommen. Damit nun auch andere etwas von meiner Neugier haben, will ich hier einmal alle mir inzwischen bekannten Stummfilme mit Kreuzenstein als Drehort zusammenstellen. Die nach wie vor kurze Liste kann natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, bietet aber, wie ich finde, auf jeden Fall interessante Einblicke in die Rezeptionsgeschichte der Burg und in die österreichische Filmgeschichte der 1910er- und 1920er-Jahre:

1) Die Burg Kreuzenstein bei Wien, Österreich 1912
Produktionsfirma: Sascha, Wien. Regie: Sascha Graf Kolowrat.

Dieser frühe Dokumentarfilm hatte, wie der Titel schon suggeriert, die Burg selbst zum Gegenstand. Da er leider nicht erhalten ist, lassen sich über die Details seiner Gestaltung keine näheren Angaben machen. Sicher ist, dass es sich um ein recht kurzes Werk handelte: Zeitgenössische Verleihlisten geben die Länge des Films mit rund 100 Metern an, was einer Laufzeit von etwa fünf Minuten entspricht.4


Filmszene aus Das Mirakel (im Burggraben von Kreuzenstein)
[Bildquelle: Youtube]

2) Das Mirakel, Großbritannien 1912
Produktionsfirma: Joseph Menchen. Regie: Michel Carré und Max Reinhardt.
Hauptdarsteller*innen: Maria Carmi, Douglas Payne, Florence Winston.

Das mit großem Aufwand produzierte Mittelalterspektakel basiert auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Karl Gustav Vollmoeller (mit Musik von Engelbert Humperdinck), das wiederum auf eine mittelalterliche Legende zurückgreift. Es handelt von einer jungen Nonne, die von einem Ritter verführt wird und darauf ihr Kloster verlässt, um sich einem unsteten Wanderleben voll weltlicher Genüsse hinzugeben. Als sie viele Jahre später reumütig ins Kloster zurückkehrt, stellt sie fest, dass man ihr Fehlen dort gar nicht bemerkt hat – die Gottesmutter Maria nämlich hat sich ihrer erbarmt und die ganze Zeit ihren Platz im Konvent eingenommen.

Das Mirakel war eine der ersten großen Kinoproduktionen, die nicht im Studio, sondern durchgängig ‚on location‘ gedreht wurde. Die Aufnahmen fanden im Herbst 1912 in der Umgebung von Wien statt: Für die Szenen im Kloster diente die spätgotische Pfarrkirche von Perchtoldsdorf als Kulisse, für die Episoden aus dem weltlichen Leben der entlaufenen Nonne hingegen Burg Kreuzenstein. Wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt, bewirteten der damals noch lebende Erbauer der Burg, Graf Wilczek, und seine Gemahlin „die Darsteller und Statisten in einer Pause in zuvorkommendster Weise.“5

Lange Zeit galt der Film als verloren, doch 2011 wurde bekannt, dass die französische Filmbehörde CNC noch eine Kopie davon in ihrem Archiv besitzt. Diese Fassung (mit französischen Zwischentiteln) ist in voller Länge auf Youtube verfügbar. Ausführlichere Informationen zu dem Film bieten sowohl die deutsch- als auch die englischsprachige Wikipedia.


Filmszene aus Der König amüsiert sich (auf dem Söller von Burg Kreuzenstein)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

3) Der König amüsiert sich, 1918
Produktionsfirma: Wiener Kunstfilm, Wien. Regie: Jakob Fleck und Louise Kolm.
Hauptdarsteller*innen: Hermann Benke, Liane Haid, Wilhelm Klitsch.

Der 1917 gedrehte und Anfang 1918 veröffentlichte Streifen basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel Victor Hugos, das vor allem in Giuseppe Verdis Opern-Bearbeitung Rigoletto berühmt geworden ist. Das Stück dreht sich um einen Hofnarr, dessen Tochter entführt wird, um dem König als Mätresse zu dienen. Um Rache zu nehmen, versucht der Narr, den König zu ermorden, tötet dabei aus Versehen jedoch seine eigene Tochter. Wie die Geschichte im Detail für den Film umgesetzt wurde, lässt sich leider nur mehr ansatzweise beurteilen, da der Streifen offenbar nicht erhalten ist. Zeitgenössische Kritiken priesen ihn jedenfalls als „ein meisterhaftes Kulturgemälde“, das die „Leichtfertigkeit und Lasterhaftigkeit“ des mittelalterlichen französischen Königshofes vortrefflich schildere. Der Film sei so „naturgetreu und plastisch (…), daß man gar nicht dazu kam, das gesprochene Wort zu entbehren.“6

Laut einer Kritik der Grazer Mittags-Zeitung handelte es sich um einen „Kolossalfilm, wo große Waffenszenen zur Darstellung gelangen“, ja sogar um „eines der besten Werke, das je die Filmtechnik geschaffen.“7 Etwas zurückhaltender gab sich die Wiener Allgemeine Zeitung. Sie schrieb, Der König amüsiert sich sei „ein netter, feiner Film geworden, wirksam mit den einfachsten natürlichen Mitteln, ohne weither geholte Effekte.“ Auch sie lobte das Werk jedoch abschließend als „eine Reihe schöner eindrucksvoller Szenen, in denen sich die durchwegs erstklassigen Darsteller zu diesen mittelalterlichen Genrebildern stellen, die in ihrem Zusammenhang die packendste Romanze ergeben.“8 Die Neue Freie Presse zeigte sich wiederum enthusiastisch und fand den Film „unerreicht an dramatischer Wirkung und glanzvoller Ausstattung.“9

Filmszene aus Der König amüsiert sich (im Arkadenhof des Wiener Rathauses)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Die Marburger Zeitung schließlich fasste zusammen: „Prachtvolle Naturaufnahmen, vornehme Ausstattung und vor allem die ausgezeichnete Darstellung durch erste Wiener Bühnenkünstler (…) erzielen allgemeine Bewunderung und volle Anerkennung.“10 Die hier gelobten prachtvollen Aufnahmen entstanden zu einem großen Teil auf Burg Kreuzenstein. Als Kulisse diente aber auch das neugotische Wiener Rathaus, dessen Arkadenhof zum königlichen Thronsaal umgestaltet wurde. Auch zu diesem Film gibt es einen kurzen Wikipedia-Eintrag mit weiteren technischen Details.


Filmszene aus Das tapfere Schneiderlein (vor der Burg Kreuzenstein)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

4) Das tapfere Schneiderlein, Österreich 1920
Produktionsfirma: Staatliche Filmstelle, Wien. Regie: Rudolf Walter.
Hauptdarsteller*innen: Karl Etlinger, Josef Holub, Mutz Perry, Rudolf Walter.

Der auf dem bekannten Märchen basierende Film ist eine Produktion der Staatlichen Filmstelle, die 1919 nicht zuletzt dafür ins Leben gerufen worden war, um mithilfe des Mediums Film den österreichischen Tourismus anzukurbeln. Nicht lange nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie entstanden, sollte Das tapfere Schneiderlein „der Propagierung landschaftlicher und baulicher Schönheiten Österreichs dienen.“11 Der Leiter der Filmstelle, Karl Imelski, betonte, dass sich Kreuzenstein besonders als Drehort für einen solchen Märchenfilm eignete, da die Burg „selbst Wahrheit gewordenes Märchen verklungener Zeiten“ sei.12 In einer Notiz vom August 1920 führte Das interessante Blatt dazu aus:

„Im Film für Fremdenverkehr werden alle Naturschönheiten und baulichen Sehenswürdigkeiten behandelt, um anregend auf diesen Zweig modernen Wirtschaftslebens zu wirken. Diesem Zwecke ist der prachtvolle Märchenfilm ‚Das tapfere Schneiderlein‘ gewidmet. Die Vorgänge des heiteren Märchenspieles sind in die Burg Kreuzenstein verlegt, dieses einzigartigen Denkmals mittelalterlicher Baukunst, dessen Renovierung im strengsten Anschluß an den Burgenstil des 14. Jahrhunderts eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges geschaffen hat. Der architektonische Hintergrund gibt den Märchenszenen ihre Bedeutung und wird wesentlich dazu beitragen, die Kenntnisse dieses Baues in die breiten Massen zu tragen.“13

Filmszenen aus Das tapfere Schneiderlein (auf Burg Kreuzenstein)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]


– Ende des ersten Teils –
Teil 2 mit vier weiteren Filmen folgt nächste Woche


1. Andreas Nierhaus, Kreuzenstein. Die mittelalterliche Burg als Konstruktion der Moderne, Wien 2014, S. 212–213.

2. Zur Rezeption der Burg im Film vgl. Nierhaus, Kreuzenstein (wie Anm. 1), S. 211–218. Einen aktuellen Überblick zu Filmen, die auf Kreuzenstein gedreht wurden, bietet der Wikipedia-Eintrag zur Burg.

3. Nierhaus, Kreuzenstein (wie Anm. 1), S. 212f.

4. Vgl. Kinematographische Rundschau, 7. April 1912, S. 16 [Link], bzw. 14. Mai 1912, S. 24 [Link].

5. Kinematographische Rundschau, 6. Okt. 1912, S. III [Link].

6. Die Zitate aus: Kinematographische Rundschau, 27. Okt. 1917, S. 66 [Link].

7. Grazer Mittags-Zeitung, 26. Jan. 1918, S. 2 [Link], bzw. 13. April 1918, S. 2 [Link].

8. Wiener Allgemeine Zeitung, 24. Okt. 1917, S. 4 [Link].

9. Neue Freie Presse, 1. Feb. 1918, S. 10 [Link].

10. Marburger Zeitung, 9. Juni 1918, S. 4 [Link].

11. Das interessante Blatt, 19. Aug. 1920, S. 10 [Link].

12. Neues Wiener Tagblatt, 22. Sept. 1910, S. 5 [Link].

13. Das interessante Blatt, 19. Aug. 1920, S. 10 [Link].

Leyla Turgut (1911-1988) – Athletin und Architektin

Auf der Suche nach ganz etwas anderem stieß ich vor einiger Zeit auf eine Meldung aus dem Jahr 1929: „Eine junge Türkin durchschwimmt den Wörthersee“, verkündeten die in Klagenfurt erscheinenden Freien Stimmen. Am 15. August, heißt es in dem dazugehörigen Bericht, durchschwamm „eine augenblicklich in Kärnten weilende 17jährige Türkin“ namens Leyla Turgut1 den größten der Kärntner Seen. Für die 18 Kilometer lange Strecke von Velden nach Klagenfurt brauchte sie neun Stunden, eine Minute und dreißig Sekunden. „In Anbetracht dessen, daß sie keinem Schwimmklub angehört und nie einen Trainer besessen hat, ist die Leistung sehr anerkenneswert“, schließt der Bericht mit leicht herablassendem Tonfall.2

Leyla Turgut nach dem Durchschwimmen des Wörthersees im August 1929
(mit im Bild ihre Mutter, die ihr die Beine massiert)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Deutlich enthusiastischer über die Leistung zeigen sich gleichzeitige Berichte in der Wiener Presse, allen voran im Sport-Tagblatt. Dort wird betont, dass es sich um eine Rekordzeit handle, die noch dazu unter widrigen Umständen erreicht wurde: Nicht nur Gegenwind machte der Schwimmerin zu schaffen, sondern auch „der wegen des Maria-Wörther Kirtages verstärkte Dampfer- und Motorbootverkehr.“3 Und obwohl auch das Sport-Tagblatt betont, dass Turgut „vollkommen allein trainierte und keinem Verein angehört“, erscheint sie dort weit weniger amateurhaft als im Bericht des Klagenfurter Blattes. Vielmehr wird sie als „All-round-Sportlerin“ bezeichnet, „die bereits eine Anzahl sehr schöner Leistungen im Langstreckenschwimmen vollbracht hat.“ Das „Mädel“, heißt es schließlich, habe das Zeug in sich, „noch manche Überraschung zu bringen.“4 Vielleicht schwingt in diesen Sätzen auch ein gewisser Lokalpatriotismus mit, denn im Unterschied zur eingangs zitierten Meldung wird Turgut in den Wiener Blättern nicht als Türkin bezeichnet, sondern als Wienerin.

Durch diese und ähnliche Zeitungsnotizen neugierig geworden, begann ich nachzuforschen, ob ich nicht mehr über diese Wiener Türkin oder türkische Wienerin herausfinden konnte – und stieß auf eine Biographie, die tatsächlich „manche Überraschung“ birgt …

Leyla Turgut wurde am 22. Dezember 1911 in Istanbul geboren. Ihr Vater war Mustafa Assim Turgut Bey, ein hochrangiger türkischer Politiker und Diplomat. Während er das Amt des osmanischen Botschaftsrates in Wien innehatte, lernte er Letta Mraček kennen, mit der er sich 1908 vermählte. Diese stammte aus einer angesehenen Wiener Familie: Sie war die Tochter des k. k. Hofrats, Professors und Primars im Rudolfspital Dr. Franz Mraček und dessen Frau Sophie, geborene Edle v. Kogerer.5

Letta Assim Turgut, geb. Mraček, 1912
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Aufgrund der diplomatischen Karriere von Assim Turgut Bey wechselte die Familie in den ersten Jahren nach der Heirat häufig den Wohnsitz. Zunächst ging es nach Stockholm, wo 1909 der Sohn Demir zur Welt kam, dann weiter nach Sofia und schließlich nach Istanbul, da Assim Turgut Bey 1911, kurz vor Leylas Geburt, zum türkischen Außenminister berufen wurde. Schon 1914 stand aber der nächste Umzug an, diesmal nach Teheran. Als zwei Jahre später russische Truppen Persien besetzten, war die Familie gezwungen, das Land zu verlassen, und flüchtete unter turbulenten Umständen nach Wien.6

Die Familie blieb nun für rund fünfzehn Jahre in Wien, wo sie eine prachtvoll eingerichtete Wohnung in einem Palais am Franzensring (heute Universitätsring 12) bewohnte.7 Die Kinder erhielten eine ihrem Stand entsprechende Erziehung. Wie schon ihr Bruder besuchte Leyla Turgut das traditionsreiche Wiener Schottengymnasium, wo sie 1929 die Reifeprüfung ablegte. Im Jahresbericht der Schule ist neben den Namen der Maturant*innen jeweils auch der „gewählte Beruf“ angegeben. Bei Leyla Turgut lautet der betreffende Eintrag: „Technik“.8 Tatsächlich scheint sie mit dem akademischen Jahr 1929/30 als Studentin an der Technischen Hochschule in Wien auf.9

Demir Turgut (links) bei einer Segelregatta auf der Alten Donau in Wien, 1930
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Im Juli 1931 brachte das Neue Wiener Journal unter dem Titel Nachmittag im Orient einen Beitrag über Letta Assim Turgut, der halb Interview, halb Porträt ist und kurz auch auf ihre Kinder zu sprechen kommt. Als Erstes wird der Sohn, Demir, vorgestellt: „Ein junger Mann, braungebrannt, feingeschnittene Züge unter blauschwarzem Haar“, Staatswissenschaftler und leidenschaftlicher Segler. Auch Leyla, „gleich dem Bruder nachtdunkles Haar, eine Schülerin Professor Holzmeisters und Studentin an der Technik“, heißt es dann weiter, „repräsentiert die Sportlady par excellence.“10

Die kurze Beschreibung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen, weil sie mit Clemens Holzmeister einen der bedeutendsten österreichischen Architekten der Zeit als Leyla Turguts Lehrer identifiziert. Gerade das wirft allerdings Fragen auf, denn Holzmeister unterrichtete nicht an der Technischen Hochschule, sondern an der Akademie der bildenden Künste. Sollte Turgut an beiden Institutionen studiert haben? Hier wären noch weitere Nachforschungen nötig, um die Aussage im Neuen Wiener Journal zu verifizieren oder zu widerlegen.

Bemerkenswert ist aber auch die Charakterisierung Turguts als „Sportlady par excellence“. Denn sie war eben wirklich nicht nur Schwimmerin, sondern widmete offenbar einen großen Teil ihrer Zeit dem Sport – in seinen unterschiedlichsten Spielarten. Als sie etwa im August 1929 den Wörthersee durchschwamm, soll sie bei ihrer Landung in Klagenfurt noch so frisch gewesen sein, „daß sie gleich zum Pörtschacher Tennisturnier gehen konnte.“11 Auch im Frühjahr 1931 wird sie als Teilnehmerin eines Tennisturniers genannt.12 Ein knappes Jahr später, im Februar 1932, hingegen zeigt ein Foto sie beim Eissegeln auf dem Neusiedler See:

Leyla Turgut beim Eissegeln auf dem Neusiedler See, Februar 1932
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Überhaupt das Eis … Wie es sich für eine Tochter aus gutem Hause gehörte, war Leyla Turgut natürlich auch Mitglied im Wiener Eislaufverein. Dort gründete sie mit einigen Vereinskolleginnen im Winter 1929/30 das erste Damen-Eishockeyteam Österreichs – was für Töchter aus gutem Hause nun weit weniger ziemlich war, denn das kampfbetonte Eishockey galt eindeutig als Männersport. Als der internationale Eishockeyverband 1930 über die Einrichtung von Frauenbewerben diskutierte, wurde die Entscheidung vertagt, weil man erst medizinische Gutachten einholen wollte, ob der Sport denn für Frauen überhaupt geeignet sei!13 Von derlei Überlegungen offenbar unbeeindruckt, forcierte Turgut gemeinsam mit Hilde Walter die Etablierung des Wiener Damenteams und wurde auch dessen erste Kapitänin.14 Das einzige Problem: Es gab keine gegnerischen Mannschaften, gegen die man antreten konnte, sodass man sich auf interne Trainingsspiele beschränken musste.15

Das erste Wiener Damen-Eishockeyteam, 1930
(Leyla Turgut ist die Dritte von rechts in der hinteren Reihe)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

In dem schon erwähnten Interview von 1931 kündigte Leyla Turguts Mutter am Ende an: „Ich habe die Heimat meines Mannes fast so liebgewonnen wie die meine und ich glaube, daß wir uns, nachdem mein Sohn seinen Doktor gemacht hat, jetzt dazu entschließen werden, nach Konstantinopel zu übersiedeln. An den träumerischen Bosporus, in die Stadt der hundert weißen Minaretts!“16 Tatsächlich gab die Familie bald darauf ihr Wiener Domizil auf und kehrte nach Istanbul zurück. – Auf den Studienabschluss der Tochter wurde offenbar nicht gewartet.

In Istanbul nahm Leyla Turgut sowohl ihre Karriere als Sportlerin als auch ihr Architekturstudium wieder auf. Gemeinsam mit ihrem Bruder half sie dabei, in der Türkei den modernen Leistungssport nach ‚westlichem‘ Vorbild zu etablieren. Als Schwimmerin war sie dort in der ersten Zeit noch weitgehend konkurrenzlos und dominierte die örtlichen Wettkämpfe.17 1934 vertraten sie und Cavidan Erbelger als erste Schwimmerinnen die Türkei bei internationalen Bewerben in Russland.18 Auch dem Eishockey blieb sie, zumindest passiv, weiter verbunden: 1938 wird sie als Journalistin bei der Herren-Weltmeisterschaft in Prag erwähnt.19

Falls Turgut tatsächlich als Journalistin arbeitete, war dies aber wohl nur vorübergehend. Denn auch nach der Rückkehr nach Istanbul verfolgte sie den in Wien eingeschlagenen Karriereweg im Bereich der Architektur. An der Istanbuler Kunstakademie inskribierte sie zunächst in der Abteilung für Dekorative Kunst, wechselte jedoch bald in die Architekturabteilung. Dort begann sie, nach ihrem Abschluss im Jahr 1939, als Assistentin von Robert Vorhoelzer auch selbst eine akademische Laufbahn. Sie war damit die erste Frau, die eine Anstellung in der Architekturabteilung der Hochschule erlangte. Nach wenigen Jahren gab sie diese jedoch auf und machte sich mit einem Architekturbüro selbständig.20

Bereits 1946 fand Turgut mit Wettbewerbsentwürfen, unter anderem für ein Freilufttheater in Istanbul sowie ein Kino- und Hotel-Projekt in Ankara, Beachtung. Neben ihrer selbständigen Planungstätigkeit war sie auch als Mitarbeiterin von Henri Prost am Stadtentwicklungsplan für Istanbul beteiligt. Ihr heute bekanntestes Werk ist die aus mehreren Wohnblöcken bestehende Siedlungsanlage für Mitarbeiter der Istanbuler Straßenbahn- und Tünel-Gesellschaft IETT, die 1957–1962 im Stadtteil Okmeydanı errichtet wurde.21

Zu Beginn der 1960er-Jahre war Turgut offenbar auch in die Planung einer Ausstellung zum Werk ihres (möglichen) Wiener Lehrers Clemens Holzmeisters involviert, die im Frühjahr 1962 an der Technischen Hochschule in Istanbul stattfand. Zur Ausstellungseröffnung reiste Holzmeister selbst an und vermerkte in seinem Tagebuch mehrere Treffen mit Turgut, die auf ein gewisses Naheverhältnis zwischen beiden hindeuten.22 Unklar bleibt allerdings, ob dieses auf Turguts Wiener Zeit zurückging oder erst auf Holzmeister Aufenthalt in Istanbul in den Jahren 1938 bis 1949.23

Leyla Turgut starb 1988. In der Türkei ist sie als eine der ersten Architektinnen des Landes in Erinnerung geblieben – oder wird als solche zumindest seit einigen Jahren wiederentdeckt. In Österreich hingegen ist sie heute vergessen, aber vielleicht kann ja dieser Blog-Post beitragen, das zu ändern …


1. Im zitierten Bericht wird der Name der Schwimmerin als Leyla Assim Tourgoud wiedergegeben. Diese Schreibweise wird auch in den meisten anderen österreichischen Medien der Zeit verwendet. In der neueren türkischen und internationalen Fachliteratur ist hingegen die Variante Leyla Turgut gebräuchlich, die zumindest ab 1946 auch von ihr selbst verwendet wurde. Ich habe mich im vorliegenden Beitrag daher für Letztere entschieden.

2. Eine junge Türkin durchschwimmt den Wörthersee, in: Freie Stimmen, 18. Aug. 1929, S. 8. [ANNO-Link]

3. Assin Tourgoud schwimmt Rekord, in: Sport-Tagblatt, 19. Aug. 1929, S. 5-6. [ANNO-Link]

4. Eine Wienerin will den Wörther See durchschwimmen, in: Sport-Tagblatt, 17. Aug. 1929, S. 8. [ANNO-Link]

5. Das Geburtsdatum und die Details zur Familie entnehme ich einer Notiz im Wiener Salonblatt vom 23. März 1912, S. 9. [ANNO-Link]

6. Vgl. zu alledem: Rose Poor Lima, Nachmittag im Orient. Gespräch mit der Gattin des türkischen Ministers Assim Tourgoud Bei, in: Neues Wiener Journal, 16. Juli 1931, S. 8. [ANNO-Link]

7. Details zur Wohnung bringt ein Bericht vom Juli 1919 über einen Einbruch, der während der Abwesenheit der Familie stattgefunden hatte. [ANNO-Link] Die Liste der entwendeten Gegenstände bietet einen interessanten Einblick in die Wohnkultur der Wiener Oberschicht jener Zeit.

8. Jahresbericht des Schottengymnasiums in Wien, Schuljahr 1929/30, S, 46. [ANNO-Link]

9. Juliane Mikoletzky, Ute Georgeacopol-Winischhofer u. Margit Pohl, „Dem Zuge der Zeit entsprechend  …“ Zur Geschichte des Frauenstudiums am Beispiel der Technischen Universität Wien, Wien 1997, S. 327.

10. Rose Poor Lima, Nachmittag im Orient (wie Anm. 6). [ANNO-Link].

11. Assin Tourgoud schwimmt Rekord (wie Anm. 3), S. 6. [ANNO-Link].

12. Neue Freie Presse, 6. Mai 1931, S. 10. [ANNO-Link]

13. Vom Internationalen Eishockey-Kongreß, in: Sport-Tagblatt, 30. Jänner 1930, S. 6. [ANNO-Link]

14. Wohin rollst du, Eishockeybällchen. Ein neuer Damensport ist geboren …, in: Illustrierte Kronen-Zeitung, 11. Jänner 1930, S. 12. [ANNO-Link]

15. Eishockey. Die Damen spielen wieder, in: Sport-Tagblatt, 20. Nov. 1930, S. 4. [ANNO-Link]

16. Rose Poor Lima, Nachmittag im Orient (wie Anm. 6). [ANNO-Link].

17. Edi Polz, Ein türkisches Schwimmfest, in: Illustrierte Kronen-Zeitung, 4. Aug. 1934, S. 12-13. [ANNO-Link]; Ders., Sport im Orient, in: Sport-Tagblatt, 8. Aug. 1934, S. 7. [ANNO-Link]; Sportliches Neuland, in: Neues Wiener Journal, 29. Sept. 1934, S. 12. [ANNO-Link]

18. Eintrag Leyla Turgut auf archnet.org. Ebenda wird behauptet, Turgut habe auch 1936 an den Olympischen Sommerspielen in Berlin teilgenommen. Die online verfügbaren Teilnehmer*innenlisten der Spiele nennen jedoch nur ihren Bruder als Segler. Ein türkisches Damen-Schwimmteam scheint hingegen nicht vertreten gewesen zu sein.

19. Pilsner Tagblatt, 20. Feb. 1938, S. 7. [ANNO-Link]

20. Eintrag Leyla Turgut auf archnet.org.

21. Eintrag Leyla Turgut auf archnet.org.

22. Clemens Holzmeister: Architekt in der Zeitenwende, Band 1: Selbstbiographie, Werkverzeichnis, Salzburg 1976, S. 209-210.

23. Holzmeister hatte schon in den 1930er-Jahren zahlreiche Bauten für das Regierungsviertel der neuen türkischen Hauptstadt Ankara geplant. 1938 von den Nazis zwangspensioniert, hatte er schließlich das schon nicht mehr existente Österreich verlassen und war in die Türkei emigriert, wo er von 1939 bis 1949 an der Technischen Hochschule in Istanbul lehrte und mit dem Entwurf des Parlamentsgebäudes seine Tätigkeit für Ankara fortsetzte.