Die Rinnböck-Kapelle und die Rinnböck-Häuser in Simmering

Wie am Ende des vorigen Beitrags angekündigt, geht es heute noch einmal auf den Simmeringer Friedhof im Südosten Wiens. Allerdings nicht wie letztes Mal auf den alten, rund um die Kirche gelegenen Teil, sondern in den neuen, der seine Entstehung den Erweiterungen des 19. Jahrhunderts verdankt. Direkt am Fuß des Kirchhügels steht dort das wohl prominenteste Monument dieses Friedhofs, die sogenannte Rinnböck-Kapelle.1 Der kleine neugotische Bau wurde 1869 von Josef Rinnböck (1816–1880) als Grablege für sich und seine Familie errichtet.

Die Rinnböck-Kapelle am Simmeringer Friedhof [Dezember 2011]

Der Unternehmer und Lokalpolitiker Rinnböck, nach dem in Simmering sogar eine Straße benannt ist, zeichnete sich nicht zuletzt durch sein soziales Engagement aus. Zu seinen Verdiensten zählt unter anderem die Errichtung günstiger Arbeiterwohnungen, der nach ihm benannten Rinnböck-Häuser, an der Simmeringer Hauptstraße (Nr. 1-3). Zwischen 1861 und 1865 als Arbeitergroßwohnhof erbaut, reagierten diese auf das starke Bevölkerungswachstum in Wien und seinen Vororten und auf die daraus resultierende Wohnungsnot vor allem für die Arbeiterschicht. Obwohl sie sich somit einer privaten Initiative verdanken, markieren die Rinnböck-Häuser gewissermaßen den Beginn des modernen sozialen Wohnbaus in Wien, für dessen kommunal geförderte Variante die Stadt bald darauf berühmt werden sollte. Zum Zeitpunkt ihrer Errichtung stellten sie die größte Wohnanlage im Gebiet des heutigen Wien nach dem Freihaus auf der Wieden dar. Damals freilich lagen sie noch nicht in Wien, denn Simmering war noch ein selbständiger Vorort außerhalb der Stadt und sollte erst 1892 eingemeindet werden. Gerade der Bau der Rinnböck-Häuser stellte in gewisser Weise einen wichtigen Schritt im rasch voranschreitenden Prozess der Verstädterung und Industrialisierung Simmerings dar, der den ländlichen Charakter des Orts innerhalb weniger Jahrzehnte gänzlich verschwinden ließ.

Rinnböck-Haus an der Simmeringer Hauptstraße [September 2014]

Trotz seiner nicht zu leugnenden stadtgeschichtlichen Bedeutung ist von dem ehemaligen Großwohnhof heute allerdings nicht mehr allzu viel übrig. Nur eines der Rinnböck-Häuser – das auf Nr. 3 – ist noch erhalten, und rein architektonisch und ästhetisch macht auch dieses zugegebenerweise nicht viel her. Obwohl es von der Bauzeit her bereits in die Epoche des Historismus fällt, erinnert es in seiner Kargheit noch mehr an die schlichten Wohnbauten des Biedermeier. Dennoch ist das Gebäude auch architekturgeschichtlich durchaus interessant, zwar nicht aufgrund seiner äußeren Erscheinung, aber durch das, was sich im Inneren verbirgt. Seines Zeichens Deichgräbermeister, war Josef Rinnböck nämlich maßgeblich am Abbruch der Wiener Stadtmauern beteiligt: Zwischen 1859 und 1866 war seine Firma für Demolierungsarbeiten an Gonzagabastei, Burgbastei, Augustinerbastei sowie weiteren Wällen und Toren der Stadt verantwortlich, um Platz für die neu projektierte Ringstraße zu schaffen. Das dabei anfallende Abbruchmaterial verwendete der praktisch denkende Unternehmer dann gleich als billiges Baumaterial für die nach ihm benannten Wohnhäuser in Simmering.

Rinnböck-Kapelle, Ansicht von vorne [Januar 2013]

Während es sich bei den Arbeiterhäusern um reine Zweckbauten ohne künstlerischen Anspruch handelt, ist die wenige Jahre später entstandene Gruftkapelle am Friedhof ein repräsentatives ‚Schmuckstück‘, in dem die gesellschaftliche Stellung (und der Reichtum) des Auftraggebers deutlich zum Ausdruck kommt.

Rinnböck-Kapelle, seitliche Ansicht [Januar 2013]

Der zierliche Bau wurde in neugotischen Formen mit großem Aufwand an architektonischem und skulpturalem Dekor gestaltet. Er erhebt sich auf achteckigem Grundriss, wobei allerdings die (vom Eingang gesehen) seitlichen Wände etwas länger sind als die übrigen. Jede der acht Seiten wird von einem hohen Wimperg bekrönt. Die Wimperge sind von Maßwerkrosetten durchbrochen und mit Krabben besetzt. In den Ecken dazwischen ragen schlanke Fialen auf, an deren Fuß jeweils löwenartige Tiere angebracht sind. Diese imitieren die phantastischen Wasserspeier gotischer Kathedralen, ohne allerdings tatsächlich diese Funktion einzunehmen. Sie bilden hier ein reines Zierelement. Die fast wie eine Krone um den Bau gelegte Reihe von Wimpergen findet ihre Fortsetzung und ihren Abschluss im hochaufragenden Dach, das von einem schlanken Türmchen bekrönt wird.

Rinnböck-Kapelle, Detail der Seitenansicht [Januar 2013]

Den Höhepunkt des skulpturalen Dekors bildet jedoch das Portal an der Stirnseite. In seinem Tympanon erscheint ein Engel mit einem Schriftband, darauf die Worte: Ruhestätte der Familie Rinnböck.

Portal der Rinnböck-Kapelle [Dezember 2011]

Als geradezu perfekte neugotische Kleinarchitektur kommt dem Rinnböck-Mausoleum innerhalb der Wiener Friedhofsarchitektur eine herausragende Stellung zu. Dennoch stand es bis vor wenigen Jahren eher schlecht um seine Erhaltung: Von Pflanzen überwuchert, mit großflächig abbröckelndem Verputz, präsentierte es sich in einem verfallenden Zustand, der zwar durchaus etwas Romantisches hatte, aber wenig Gutes für die Zukunft des Bauwerks erwarten ließ.

Die Rinnböck-Kapelle im Sommer 2007
[Bild: Invisigoth67/Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 3.0]

Den Bemühungen der Simmeringer Friedhofsgärtnerin Traude Fritz ist es zu verdanken, dass es vor rund zehn Jahren doch noch zur dringend nötigen Instandsetzung der Rinnböck-Kapelle kam. Von 2011 bis 2012 wurde der Bau einer umfassenden Restaurierung unterzogen und zeigt sich nun wieder in einem Zustand, wie er Josef Rinnböcks ursprünglichen Intentionen entspricht.


1. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der vorliegende Beitrag teilweise älteres Material wiederverwendet: Sowohl über die Rinnböck-Kapelle als auch über die Rinnböck-Häuser habe ich vor acht bzw. sechs Jahren schon im alten Baudenkmäler-Blog etwas geschrieben. Leser*innen mit besonders gutem Gedächtnis wird hier daher manches bekannt vorkommen.
Wie man schon anhand der Jahreszeit erkennen kann, sind auch die Bilder nicht ganz aktuell, sondern (mit einer Ausnahme) aus meinem Archiv. Sie haben dafür den Vorteil, mehr oder weniger unmittelbar nach Abschluss der letzten Restaurierung entstanden zu sein und das Gebäude quasi im ‚Top-Zustand‘ zu zeigen.

Das Franz Josephs-Tor in Wien

Das Franz Josefs-Tor in Wien (Außenansicht), um 1880
[Quelle: Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv Austria]

Von allen ehemaligen Wiener Stadttoren ist das Franz Josephs-Tor wohl das am wenigsten bekannte. Das ist auch nicht allzu verwunderlich, denn schließlich existierte es kaum ein halbes Jahrhundert lang. Es entstand 1850 bis 1855 als Teil einer ersten Phase der Stadterweiterung und -erneuerung, an die sich heute kaum noch jemand erinnert, weil sie ab 1857 vom großen Ringstraßen-Projekt umgehend wieder ‚ausradiert‘ wurde. Auch das Franz Josephs-Tor wurde 1901 wieder abgerissen, um der Ringstraße Platz zu machen, und geriet dann rasch in Vergessenheit…

Aber der Reihe nach: Ende der 1840er-Jahre ging man daran, die nordöstliche Ecke der Wiener Innenstadt – das sogenannte Stubenviertel – neu zu gestalten. Dieses wird nach Norden hin vom Donaukanal abgeschlossen, nach Osten vom Wienfluss. Die eigentliche Begrenzung des Grätzels bildeten aber natürlich nicht die Wasserläufe, sondern die damals noch bestehende Stadtbefestigung mit ihren Wällen und Basteien. Nun gab es hier an der Ostseite, zwischen Biber- und Dominikanerbastei nur einen vergleichsweise schmalen, schmucklosen Zugang zur Innenstadt, nämlich das 1770 angelegte Mauttor.

Verlauf der ehm. Wiener Stadtbefestigung im Bereich des Stubenviertels
[Detail aus: Wiener Stadtbefestigung, Stand 1809, auf einem modernen Stadtplan,
von Wikimedia-user:Gugerell mit Open Street Map erstellt; CC-BY-SA 2.0]

Diese Zugangssituation erwies sich zunehmend als Problem, nachdem zwischen 1840 und 1847 am jenseitigen Ufer des Wienflusses (im heutigen Dritten Bezirk) zuerst das neue Hauptzollamt und dann die Finanzlandesdirektion errichtet wurden. Denn durch diese neuangelegten Verwaltungsgebäude stieg der Verkehr, insbesondere der Güterverkehr, an dieser Ecke der Stadt deutlich an und ließ den Bau eines größeren Tores zu einem dringenden Anliegen werden.

Im Februar 1849 wurde daher ein Wettbewerb für die Errichtung eines neuen Stadttores ausgeschrieben. Im Vergleich zum alten Mauttor sollte es ein Stück weiter östlich, im Bereich des heutigen Georg-Coch-Platzes, erbaut werden. Dafür mussten auch die Wallanlagen etwas nach Osten gerückt werden, sodass mit dem Projekt auch eine geringfügige Stadterweiterung verbunden war. Das Tor war der erste Monumentalbau in Wien, der unter der Regentschaft von Kaiser Franz Joseph projektiert wurde. Es lag daher nahe, die Portalanlage nach dem frischgekrönten Herrscher zu benennen.1

Das Franz Josephs-Tor war auch einer der ersten öffentlichen Bauten in Wien, für den ein allgemeiner Wettbewerb ausgeschrieben wurde. Acht Architekten reichten insgesamt elf Projekte ein, über die in den Jurysitzungen teils heftig diskutiert wurde. Vor allem die Juroren Peter Nobile, Eduard van der Nüll und Ferdinand Fellner bevorzugten den Entwurf von Ludwig Förster und Theophil Hansen, doch setzten die Vertreter von Militär und Baubehörde durch, dass dieser vom Bewerb ausgeschlossen wurde, weil er in einigen Details vom ausgeschriebenen Programm abwich. So setzte sich am Ende das Projekt des aus Prag stammenden Carl Rziwnatz durch.2

Rziwnatz erhielt nicht nur das Preisgeld von 80 Dukaten, ihm wurde auch die Bauleitung übertragen. Mit der Errichtung des Stadttors wurde 1850 begonnen; fünf Jahre später, im September 1855, wurde es feierlich eingeweiht. Im letzten Baujahr dürfte aber hauptsächlich nur mehr am Skulpturenschmuck gearbeitet worden sein. Die Österreichische Illustrirte Zeitung nämlich berichtet schon im Oktober 1854 von der Vollendung des Tores und bringt dazu die nachstehende Abbildung.3

Das Franz Josephs-Tor und das Postgebäude, 1854
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Die Illustration zeigt das weitestgehend vollendete Tor noch freistehend vor dem Hintergrund des damals ebenfalls gerade erneuerten Postgebäudes. Diese Situation sollte sich jedoch rasch ändern, denn im selben Jahr 1854 begann man links und rechts von dem Tor mit der Errichtung der Franz Josephs-Kaserne. Wie das Arsenal und die Rossauer Kaserne war diese Teil eines Festungsrings, der infolge der Revolution von 1848 um die Stadt gelegt wurde, damit das Militär gegebenenfalls rasch bei der Hand war, um gegen aufständische Bürger vorzugehen. Die 1857 fertig gestellte Franz Josephs-Kaserne bestand aus zwei identisch gestalteten Baukörpern, die sich zu beiden Seiten des gleichnamigen Tores erhoben und durch dieses verbunden wurden. Mit ihren mächtigen Ecktürmen bildete sie – vor allem vom Wienfluss her betrachtet – eine eindrucksvolle visuelle Machtdemonstration.

Das Franz Josephs-Tor, die Franz Josephs-Kaserne und die Radetzkybrücke, 1857
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Der Bestand der Kaserne war indes von kurzer Dauer: Weniger als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Erbauung, wurde sie im Jahr 1900 geschleift, um dem letzten Abschnitt der Ringstraße Platz zu machen. Auch das Franz Josephs-Tor wurde damals zerstört, doch erlauben zeitgenössische Abbildungen, Fotografien und Beschreibungen, sich noch ein gutes Bild davon zu machen.

Das Franz Josephs-Tor (Außenansicht), 1897
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

In seiner Grundform erinnerte das Stadttor an antike Triumphbögen, auch wenn sich in der Mitte nicht nur ein Torbogen öffnete, sondern zwei. Das entsprach der Vorgabe der Ausschreibung, dass es „eine Doppelfahrbahn zur ungehinderten Passage der ein- und ausfahrenden Wagen jeder Gattung“ geben müsse.4 Daneben gab es links und rechts je einen Durchgang für Fußgänger. Die niedrigeren Seitenflügel der Toranlage schließlich enthielten Wachstuben und Magazine.5

Die Seitenflügel waren aus farbigen Wienerberger Ziegeln gemauert, für das eigentliche Tor wurde der sogenannte Kaiserstein, ein Leithakalk aus Kaisersteinbruch, verwendet.6 An der zum Wienfluss weisenden Außenseite kamen dabei große Quader zum Einsatz, die dem Bauwerk einen wehrhaften Anstrich verliehen.

Das Franz Josephs-Tor (stadtseitige Ansicht), 1899
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

An der zur Stadt hin gelegenen Innenseite gab sich das Tor etwas weniger martialisch. Hier dominierten glatte Steinoberflächen, dafür waren die Seitenflügel ebenfalls durch Bögen geöffnet und mit bauplastischem Schmuck versehen. An der Stadtseite wurde das Tor zudem von einer plastischen Figurengruppe bekrönt, die der Bildhauer Franz Bauer geschaffen hatte. Sie stellte die Tugenden der Weisheit und der Stärke dar, die gemeinsam die Kaiserkrone über einen Schild mit dem Wappen des Hauses Habsburg-Lothringen hielten.7

An der äußeren Seite hingegen prangte an der entsprechenden Stelle der Doppeladler mit dem österreichischen Wappen im Brustschild. Zu seinen Füßen befand sich ein Schriftband, auf dem in goldenen Buchstaben das Motto „Viribus Unitis“ („Mit vereinten Kräften“) zu lesen war. Dieser persönliche Wahlspruch des Kaisers fand hier erstmals an einem öffentlichen Gebäude Verwendung. Seine Anbringung an dem Stadttor nahm auch Bezug auf das 1821–1824 errichtete Burgtor, das den Wahlspruch Kaiser Franz I., „Justitia Regnorum Fundamentum“ („Die Gerechtigkeit ist der Grundstein der Reiche“), trägt.8

Unterhalb von Doppeladler und Spruchband war am Franz Josephs-Tor eine Statue angebracht, welche die Wappenschilde von Österreich und Wien in Händen hielt. Die geflügelte, an einen Engel gemahnende Figur sollte „Österreichs Genius“ darstellen.9

Franz Josephs-Tor, Detail des Skulpturenschmucks an der Außenseite, 1897
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Was den Baustil betrifft, orientierte sich Rziwnatz’ Entwurf an der italienischen Renaissance. So vollzieht das Franz Josephs-Tor als einer der ersten Monumentalbauten Wiens den Übergang vom biedermeierlichen Klassizismus zum Historismus der Ringstraßenzeit. In seiner Rolle als einer der Gründungsbauten des Historismus wurde das Stadttor auch noch im späten 19. Jahrhunderten von der Kritik gewürdigt. In einem Bericht der Tageszeitung Die Presse vom 11. März 1888 heißt es etwa, „in der Altlerchenfelderkirche, dem Arsenal, dem Franz-Josef-Thor, in den Leistungen Rösner’s, Ludwig Förster’s, Müller’s“, zeigten sich „die ersten Regungen eines Schaffens (…), das die Wiener Architektur von den Fesseln des Bureaus erlösen sollte, in denen der Genius dieser edelsten Kunst seit Josef II. schmachtete.“10 Und fünf Jahre später liest man in demselben Blatt, einer der „namhaftesten Kunstforscher der Gegenwart“ habe das Tor „mit Recht als ‚eines der besten Werke der Architektur aus dem Vorfrühling der modernen Wiener Renaissance‘ bezeichnet.“11

Die anhaltende Wertschätzung zeigt sich auch in den Initiativen zur Rettung des Tores in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Denn um 1890 konkretisierten sich die Pläne zum Abbruch der mittlerweile veralteten Franz Josephs-Kaserne, „welche weder in militärischer, noch aber in sanitärer Hinsicht den berechtigten Anforderungen entspricht, und deren Fortbestand die Ringstrasse zu einem Torso macht.“12 Im November 1892 wurde schließlich ein Wettbewerb zur Regulierung des Stubenviertels ausgeschrieben, um hier anstelle der Kaserne den letzten noch fehlenden Abschnitt der Ringstraße fertigzustellen. Bezeichnenderweise waren unter den 30 eingereichten Projekten mehrere, die versuchten, das Franz Josephs-Tor zu erhalten und in das neue Verbauungskonzept zu integrieren.13 Auch das Siegerprojekt von dem brüderlichen Architektenteam Karl, Julius und Rudolf Mayreder sah vor, das alte Tor nur um einige Meter zu versetzen und zum Hofportal eines neu zu errichtenden Ministeriums umzufunktionieren.14

Karl, Julius & Rudolf Mayreder: Entwurf eines Bürogebäudes für das k.k. Handels-Ministerium im Stubenviertel, unter Verwendung des Franz Josephs-Tores, 1893
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Obwohl sie den ersten Preis erlangt hatten, wurden die Pläne der Brüder Mayreder am Ende aber doch nicht verwirklicht. Stattdessen erfolgte die Neugestaltung des Stubenviertels nach den Vorgaben von Otto Wagner, der nicht nur für den Bebauungsplan verantwortlich zeichnete, sondern hier mit der Postsparkasse am Georg-Coch-Platz auch eines seiner bedeutendsten Bauwerke realisieren konnte. Für das alte Stadttor jedoch gab es in Wagners Konzept keinen Platz mehr…

Die Franz Josephs-Kaserne kurz nach Beginn der Demolierung, April 1900
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Im März 1900 wurde mit der Demolierung der Kaserne begonnen. Ursprünglich war vorgesehen, zuerst den südlichen, Richtung Wollzeile gelegenen Block abzureißen, dann das Stadttor und zuletzt den nördlichen Kasernentrakt.15 Tatsächlich scheint man die Reihenfolge aber geändert und das Tor bis zum Schluss aufgehoben zu haben. Denn noch am 1. Jänner 1901 bringt die Illustrirte Rundschau eine – vielleicht die letzte – Abbildung des mittlerweile wieder freistehenden Stadttors und beschreibt die Situation nicht ohne ein gewisses Pathos: „Während an der Ecke des Franz Josef-Exercierplatzes die ersten Neubauten emporstreben und der übrige Theil des Platzes von den Trümmern der demolirten Kaserne übersäet ist, steht das reizende Thor, das bis vor Kurzem die beiden massigen Kasernenflügel verband, noch unberührt inmitten des allgemeinen Chaos da.“16

Das Franz Josephs-Tor kurz vor der Demolierung, Dezember 1900
(aus der Illustrirten Rundschau vom 1. Jänner 1901)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Dass man das Franz Josephs-Tor doch etwas länger als geplant stehen ließ, dürfte auch damit zu tun gehabt haben, dass es noch während des Abbruchs der Kaserne Initiativen zu seiner Rettung gab. Bereits 1897 hatte sich die Centralcommission für Kunst und historische Denkmale dafür ausgesprochen, „das Thor sammt seinen Sculpturen an entsprechendem Orte in Wien wieder aufzurichten“, und eine geplante Parkanlage auf der Schmelz als potentiellen neuen Standort vorgeschlagen.17 Diese Überlegungen blieben bis zuletzt aktuell, und noch am 13. Dezember 1900 diskutierte man im Wiener Stadtrat „über die Frage der Erhaltung, beziehungsweise Neuaufstellung des zwischen den beiden Tracten der Kaiser Franz Joseph-Kaserne befindlichen architektonisch ausgestatteten Thores.“ Da sich die Kosten dafür auf 123.000 Kronen belaufen hätten, wurde jedoch beschlossen, „von der Erwerbung dieses Objectes abzusehen.“18 – Das Schicksal des Franz Josephs-Tores war damit endgültig besiegelt, Wien wurde um ein Baudenkmal ärmer. Aber gut, Wagners Postsparkasse ist als Ersatz dafür auch nicht zu verachten…


1. Von der Namenswahl berichtet u. a. Die Presse vom 30. Sept. 1851, S. 2. [ANNO-Link]

2. Der Ablauf des Wettbewerbs und der Jurysitzungen ist detailliert wiedergegeben bei: Elisabeth Springer, Geschichte und Kulturleben der Wiener Ringstraße, Wiesbaden 1979, S. 38-39.

3. Über die feierliche Enthüllung berichtet das Fremden-Blatt vom 19. Sept. 1855, S. 2-3. [ANNO-Link] Vom Skulpturenschmuck schreiben Die Presse am 22. März 1855, S. 3 [ANNO-Link], sowie die Morgen-Post vom 2. Mai 1855, S. 2. [ANNO-Link] Demgegenüber ewrwähnt die Österreichische Illustrirte Zeitung schon am 30. Okt. 1854, S. 4, die Vollendung des Tors. [ANNO-Link]

4. Zitiert nach: Elisabeth Springer, Geschichte und Kulturleben der Wiener Ringstraße, Wiesbaden 1979, S. 38.

5. Vgl. Illustrirte Rundschau, 1. Jan. 1901, S. 10. [ANNO-Link]

6. Vgl. Österreichische Illustrirte Zeitung, 30. Okt. 1854, S. 4, bzw. Illustrirte Rundschau, 1. Jan. 1901, S. 10. [ANNO-Link]

7. Vgl. Die Presse am 22. März 1855, S. 3. [ANNO-Link]

8. Vgl. Morgen-Post, 25. März 1854, S. 2. [ANNO-Link]

9. Morgen-Post, 2. Mai 1855, S. 2. [ANNO-Link]

10. Jubiläums-Kunstausstellung, in: Die Presse, 11. März 1888, S. 1-4 (hier: S. 4). [ANNO-Link]

11. Die Concurrenzpläne für die Erweiterung des Stubenviertels, in: Die Presse, 28. Februar 1893, S. 1-2 (hier: S. 1). [ANNO-Link]

12. Der Bautechniker, Nr. 24, 1889, S. 350. [ANNO-Link]

13. Die Concurrenzpläne für die Erweiterung des Stubenviertels, in: Die Presse, 28. Februar 1893, S. 1-2 (hier: S. 1). [ANNO-Link] Vgl. auch: Die Preis-Concurrenz für das Stubenviertel, in: Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines, Nr. 9, 1893, S. 137-139. [ANNO-Link]

14. Das mit dem ersten Preise gekrönte Konkurrenz-Projekt für die Regulierung des Stubenviertels in Wien, in: Allgemeine Bauzeitung, 58. Jg., 1893, S. 41-42. [ANNO-Link]

15. Neue Freie Presse, 6. März 1900, S. 6. [Anno-Link]

16. Illustrirte Rundschau, 1. Jan. 1901, S. 10. [ANNO-Link]

17. Das Vaterland, 17. Feb. 1897, S. 6. [ANNO-Link]

18. Wiener Zeitung, 14. Dez. 1900, S. 2. [ANNO-Link]